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Alapítva: 1995. január

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2006-09-15 • Vilmos Heiszler
ZWEI BÜCHER ÜBER DIE POP(?)MUSIKALISCHE GESCHICHTE MITTELEUROPAS

Aus der Überschrift geht freilich mit Sicherheit lediglich hervor, dass von zwei Büchern die Rede ist. Das erste: Gabriel Gössel, Fonogram. Praktický průvodce historií záznamu zvuku (Fonogram. Praktischer Führer durch die Geschichte der Tonaufnahmen). Hinter diesem ernsten Titel verbirgt sich eine mit spielerischer Lust verfasste Arbeit, die samt Typographie, farbigem Bildmaterial und wohlbekannten Reproduktionen von Zeitungsannoncen mit dem Heraufbeschwören der nostalgischen Stimmung des frühen 20. Jahrhunderts und der Zwanziger Jahre zu drohen scheint, wäre da nicht die Beruhigung durch den Text, der eine ernsthafte Forschertätigkeit unter Beweis stellt. Zuerst erhalten wir einen Überblick über die Technikgeschichte der Tonaufnahmen vom Wachszylinder und Phonographen eines Edison über die Schallplatte und den Plattenspieler Berliners bis zum Tonfilm. Im Sinne slawischer Wechselseitigkeit folgt eine kurze Abhandlung zur bzw. zum zaristischen und sowjetischen Plattenindustrie und -handel. Auch die Vertreter der Hilfswissenschaften dürften sich nicht beklagen: Zu lesen gibt es eine präzise ikonografische Übersicht zum dem Gemälde, das dem berühmten Markenzeichen „His master’s voice” zugrunde liegt einschließlich dessen Hauptdarstellers, dem Hund Nipper, außerdem eine Zusammenfassung zu den berühmten historischen Tonarchiven aus aller Welt samt Katalogen.

Wo aber bleibt nun das Spielerische? Gleich im Vorwort zitiert Ondřej Havelka mit Genugtuung aus alten Liedtexten, wie dem Couplet „Mein lieber Wendelin, was machst du da, was ist in deiner Hand?” („Vendelíne, co děláš, co ty máš v ruce?”), wozu er feststellt, bis heute wisse niemand oder traue sich niemand zu sagen, was das sein kann, was der schlimme Wendelin in seiner Hand hält, nachdem das Lied seinen balladenhaften Schleier nicht lüftet. Zweifelsohne handelt es sich hier um eine der großen ungelösten Fragen tschechischer Kulturgeschichte (und Schicksalsfrage sage ich nur darum nicht, weil die bekanntlich von den Ungarn gepachtet sind).

csehfonogramApropos Ungarn: Im zweiten Teil des Buches mit seiner imponierenden Dokumentation in Bild und Text der tschechischen Grammophonie bis 1945 stößt man auf weitere ungarische Bezugspunkte. Da ist gleich ein Lied von 1919 des berühmten Kabarettisten Karel Hašler, der sich in der Zwischenkriegszeit mit seinen Texten und Liedern der jungen tschechoslowakischen Demokratie verbunden wusste. Hier zieht er über die Bolschewisten her: „Bei den Ungarn Revolution, mit Károlyi fiel der Thron, d'rauf sitzt jetzt mit dem Messer in der Hand der Ungarn-Jud: Béla Kún…” („V Uhrách byla revoluce, s Károlym se zbořil trůn, na nĕj nased’ s kudlou v ruce mad’arský žid Bela Kuhn…”) Augenscheinlich macht sich eine Portion Antisemitismus selbst bei den Hütern der bürgerlichen Demokratie bemerkbar. Das stimmt selbst in Anbetracht dessen nachdenklich, dass sich der der Antisemitismus der Tschechen in erster Linie aus einem verbitterten Anti-Deutschtum ableitet, das auch die ins Deutsche assimilierten Juden herausgreift; und vergessen wir auch die dem Genre eigenen, massive Verallgemeinerung nicht. Jedenfalls ist das ein Beispiel dafür, wie früh die Schallplatte bereits als Propagandamedium verwendet wurde.

Dann stoßen wir auf den beliebten Filmschauspieler und Kabarettisten mit dem phantasielos-bürgerlich anmutenden Namen František Fiala, der den klangvollen, ungarisch tönenden Künstlernamen Ferenc Futurista aufnahm. Ungarisch allerdings nur zum Schein, da der mit der ungarischen Schreibweise von Franz identische Name auf den amerikanischen Bildhauer Ferenth zurückgeht. (Der Schauspieler hatte sich vorher mit der Bildhauerei beschäftigt.) Jedenfalls scheint dieser eindeutig „ungarische” Name auf einer Unzahl von Schallplatten auf, eine davon enthält das Kommentar zu einem Fußballmatch Ungarn-Tschechoslowakei.

Das dritte Kapitel des Buches ist eine „Who-is-who”-Sammlung mit Sängern, Komponisten und Bands von den Bläsern des Kolíner Sokol-Vereins bis zur Bigband eines Karel Vlach (der wir zur Zeit des real existierenden Sozialismus auf den Platten des legendären Supraphon-Labels häufig begegnen – aber das ist schon eine andere Geschichte).

Die Arbeit von Gössel bezieht sich schwerpunktmäßig offensichtlich auf die Traditionen jenes Kulturkreises Mitteleuropas, dem der Donauraum und die ehemaligen Lande der Monarchie angehören. Eine gewisse Nostalgie nach der „großen Epoche” der Region, die das Buch inhaltlich wie visuell durchdringt, ist nicht ganz abzuleugnen.

Von einer ganz anderen Art ist da der in Berlin veröffentlichte, von Rainer Bratfisch redigierte Band (Freie Töne. Die Jazzszene in der DDR). Das Buch behandelt 40 Jahre Jazzleben der DDR, selbstverständlich einschließlich der vier Jahre der direkten sowjetischen Militäradministration. Hier ist kein Raum für Nostalgie, kein Hauch von „belle époque”, statt dessen gibt es Neue Sachlichkeit: gestrenge Analysen, akribisch recherchierte Reportagen und sachliche Erinnerungen, all dies auf zweispaltigen Seiten mit schwarz-weißen Fotos – cool von A bis Z. (Das erstreckt sich auch auf das wissenschaftliche Niveau: einwandfreie Fußnoten, Chronologie, Bibliographie, Bildindex, Namensverzeichnis, Vorstellung der Autoren – deutsche Arbeit im besten Sinn des Wortes.)

csehfonogram Nun ist die Jazzgeschichte der DDR tatsächlich ein unvergleichlich spannendes kulturgeschichtliches Thema. Am heißesten Punkt des internationalen Klassenkampfes, in der Heimat des Eisernen Vorhangs drehte es sich um die Etablierung eines musikalischen Genres amerikanischen Ursprungs (der Band verweist wohlgemerkt nicht auf die Weimarer Vorgeschichte, da aufgrund der Nazi-Jahre von keiner ungestörten Kontinuität die Rede sein kann). Allein der Umstand, dass es sich um eine auf Improvisation aubauende Musikgattung handelt, die sich nur schwer im Voraus kontrollieren lässt, muss stalinistischen Kulturpolitikern ein Dorn im Auge gewesen sein. Die Schwierigkeiten der ostdeutschen Jazzmusiker können wir uns nur ausmalen. In den Auseinandersetzungen mit den Kulturbürokraten half einzig der Verweis auf die Musik der Negerarbeiter (ein damals durchaus korrekt erscheinender Begriff), die jazzkritische Haltung Adornos, auf den sich die marxistischen Musikästheten Ostdeutschlands mit Vorliebe bezogen, schwächte ihre Position allerdings.

Bis 1961 wogte der Kampf um die Anerkennung des Jazz hin und her, und die relativ offene Grenze funktionierte auch auf diesem Gebiet wie ein Ventil (vor allem in Berlin). Nach Errichtung der Berliner Mauer im Jahr 1961 wendete sich das Blatt, für westlichen Einfluss verblieb kaum Raum. Und hier kommt die Überraschung: Im eingeschränkten Raum werden wir Zeugen einer intensiven inneren Entwicklung und die Musik der mehr oder minder freiwillig entdeckten Nachbarn aus dem Osten brachte neue Akzente. In erster Linie zeigte sich der Einfluss des immer schon recht lebhaften polnischen Jazzlebens, aber auch Prag und Budapest gerieten ins Visier der ostdeutschen Jazzmusiker. Die Intensivierung des musikalischen Austausches in Ost-West-Richtung in den Achtzigern deutete auf eine Aufweichung eines Regimes, das oberflächlich immer noch die Muskeln spielen ließ - ein Vorgeschmack auf den Fall der Mauer.

Die beiden Bände beziehen sich auf die Kulturgeschichte der beiden Sphären Mitteleuropas – die tschechischen Gebiete der österreich-ungarischen Monarchie und deren Nachfolgestaaten, sowie den ostdeutschen Nachfolgestaat des Deutschen Reichs. Die mentalitätsmäßigen Unterschiede zwischen diesen beiden Regionen zeichnen sich selbst bei einem Vergleich dieser doch recht speziellen Themen deutlich ab. Darum ist der Begriff Mitteleuropa im Titel gerechtfertigt. Die 'Popmusik' verdient wirklich ihr Fragezeichen, erstreckt sich doch die tschechische Plattengeschichte auch auf andere Genres und überhaupt kann der Jazz nur mit einem riesen Fragezeichen der Sparte Popmusik zugerechnet werden. Beide Bände tragen jedenfalls zu einer weiteren Erwägung dieser Fragen bei.

Gössel, Gabriel: Fonogram. Praktický průvodce historií záznamu zvuku. (Fonogram. Praktischer Führer durch die Geschichte der Tonaufnahmen.) Praha, Radioservis, 2001, 229.p.

Bratfisch, Rainer (Hg.): Freie Töne. Die Jazzszene in der DDR. Berlin, Ch. Links Verl., 2005, 334.p. (+CD: Erstes DDR-All-Stars-Jazzkonzert, 8/9. Dezember 1965, Kongresssaal im Hygienemuseum Dresden.)