2020-01-23    
Név:
Jelszó:
  
Regisztráció
Fórumaink
Olvasói levelek (5)
Kiadja:
Magyar Jazzkutatási Társaság
1023 Budapest, Lukács utca 4.
Főszerkesztő:
Simon Géza Gábor
06-30/736-3358

Alapítva: 1995. január

2011 mérleg és közhasznúsági jelentés:
2011_merleg_khjel.pdf

A Magyar Jazzkutatási Társaság a jogszabály adta lehetőségekkel élő támogatói jövedelemadójuk egy százalékát utaltatták át egyszámlánkra. Az összeget jelen kiadvány költségeihez használtuk fel. Köszönetet mondunk mindazoknak, akik bennünket és ezzel lapunkat támogatásra érdemesítették.

1964-11-01 • Dr. Elisabeth Kolleritsch
Jazz in Graz

Eine Dokumentation seiner Entwicklung in der Nachkriegszeit

Seit dem Jahre 1965 gibt es in Österreich mit der Einrichtung eines "Institutes für Jazz" an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz eine selbständige Ausbildungsstätte für Jazz auf Universitätsebene. Daß in Graz schließlich eine akademische Etablierung des Jazz – mit Einmaligkeitscharakter in der Welt – stattgefunden hat, darf im Hinblick auf die Entwicklungsgeschichte des Jazzlebens in Graz nach 1945 als folgerichtig bezeichnet werden. Jazz zählt zu jenen Phänomenen in Graz, die in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg einen besonderen Stellenwert in der kulturellen Entwicklung dieser Stadt erlangt haben. Dieses Faktum weckt das Interesse des Historikers, den Ursachen für diese Entwicklung nachzuspüren und den Weg dorthin zurückzuverfolgen. Wenngleich die steirische Landeshauptstadt vornehmlich als "heimliche Literaturhauptstadt" ins Bewußtsein einer kulturell interessierten Öffentichkeit gerückt ist, so kann mit einigem Recht diese Kennzeichnung – wiederholt wird von Graz als einem "Zentrum des österreichischen Jazz" gesprochen – auch auf die Bedeutung des Jazz in dieser Stadt übertragen werden. Umso mehr erschien es daher gerechtfertigt und notwendig, diesen Bereich künstlerischen Geschehens in Graz gesondert einer historischen Untersuchung zu unterziehen. Bei näherer Beschäftigung mit der Materie kristallisierten sich als Zeitrahmen für die Forschungen die Jahre 1945 bis 1955 heraus, einerseits weil das Ende des Zweiten Weltkrieges einen absoluten Neubeginn darstellt, andererseits die Gründung des Institutes für Jazz als Zäsur zu betrachten ist, da die Entwicklungen im Jazz nach der akademischen Etablierung eine andere Richtung nahmen.

In dem nun vorliegenden Buch "Jazz in Graz.Von den Anfängen nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu seiner akademischen Etablierung. Ein zeitgeschichtlicher Beitrag zur Entwicklung des Jazz in Europa" sollte der mit der Entstehung einer solchen Institution naturgemäß verbundenen Legendenbildung nun diese detaillierte Dokumentation historischer Fakten gegenübergestellt werden, um Informationslücken zu füllen, falsche Vorstellungen zu korrigieren und Vorgänge aufzuklären. Zweck der vorliegenden Arbeit war es vor allem, das vorhandene, bisher nicht aufgearbeitete Quellenmaterial systematisch zu sichten, aufzuarbeiten und in entsprechender Form darzustellen. Zudem erschien gerade jetzt der geeignete Zeitpunkt zur Darstellung dieser Ereignisse erreicht zu sein: Einerseits war nun die bekanntermaßen notwendige historische Distanz für die Objektivität einer solchen Untersuchung gegeben, andererseits durfte nicht länger gezögert werden, Zusammenhänge zu rekonstruieren, solange die Zugänglichkeit des Materials noch gewährleistet ist. Obzwar im Archiv des Institutes für Jazzforschung ein nicht unerheblicher Bestand an Material dokumentiert ist, so mußte doch größtenteils auf Privatsammlungen zurückgegriffen werden, die jedoch nicht systematisch,sondern eher nach dem Zufallsprinzip entstanden sind. Das betreffende Material wurde vielmehr aus persönlichem Interesse, sicherlich aber nicht mit dem Gedanken an eine spätere Auswertung gesammelt.

Für den Gegenstand der Arbeit wurden neben handschriftlichen Chroniken, Terminkalendern, Aufzeichnungen, Fotografien, Konzert-und Veranstaltungsprogrammen auch Briefe, Verträge, Zeugnisse, Bescheide, Vereinsstatuten, Rechnungen und Abrechnungen, Auszahlungslisten, Prospekte, Manuskripte von Hörfunksendungen, Hördokumente auf Folien, Tonbänder, Kassetten, Langspielplatten, Filme auf Videokassetten etc. herangezogen, die wesentliche Informationsquellen darstellten. Schwierig war es, die Fülle des recherchierten Materials deskriptiv zu vermitteln.

Obzwar das private Archivmaterial in seiner Gesamtheit als reichhaltig zu bezeichnen ist, ergaben sich bei der Auswertung vereinzelt Probleme bei der Erforschung von Details, da, wie schon erwähnt, eher nach dem Zufallsprinzip gesammmelt worden war und so für manche Ereignisse so gut wie keine schriftlichen Quellen vorlagen. Zusätzlich lieferten Rezensionen und Berichte über Jazzereignisse oder -musiker in Tageszeitungen und Zeitschriften wichtige Informationen, die trotz aller Subjektivität ein unmittelbares Bild der Rezeption dieser Musik zeichnen und trotz Fehlerquellen in vielen Fällen unerläßlich für die Faktenfindung waren.

Darüber hinaus kommt in einer solchen Untersuchung mündlichen Interviews und Befragungen als Quellen zentrale Bedeutung zu. Bekanntlich ist "Oral History" als eine Methode, durch mündliche Zeugnisse Zugriff auf die Vergangenheit zu erhalten, zuerst in den angelsächsischen Ländern , dann in Frankreich entwickelt worden. Diese Dokumentationstechnik, die allerdings mit vielfältigen methodischen Problembereichen verbunden ist, ist inzwischen eine für Alltags- und Erfahrungsgeschichte weitgehend etablierte Methode und oft die einzige Möglichkeit historischer Recherchen.

Was etwa den im vorliegenden Buch behandelten Zeitraum der unmittelbaren Nachkriegszeit betrifft, so spielt der Faktor Lebensalter eine eminent wichtige Rolle: Die Tatsache, daß nicht mehr lange die Möglichkeit besteht, Zeitzeugen jener Epoche als Interviewpartner heranzuziehen und damit auch die dadurch leichter gemachte Zugänglichkeit von Privatsammlungen zu nützen, ließ eine Rekonstruktion dieser Ereignisse zum jetzigen Zeitpunkt umso notwendiger erscheinen. Allerdings ergeben sich bei der Anwendung von Interviews als Forschungsinstrument, das seine Herkunft aus dem Bereich der empirisch-anlytischen Sozialwissenschaften herleitet, eine Reihe von Problemen, wie etwa die Belegbarkeit von Aussagen oder die Frage, wie weit aus "Oral History" historische Fakten zu eruieren seien. So sind manche Ereignisse durch schriftliche Quellen nicht dokumentiert und können lediglich durch Zeitzeugen bestätigt werden. Noch immer gilt der Vorrang schriftlicher Quellen für die Überlieferung von detaillierten Fakten, doch ist mit "Oral History" eine neue Quellengattung geschaffen, die das bisherige Primat der schriftlichen Quellen antastet.Insgesamt gesehen überliefert "Oral History" tatsächlich weniger faktisches Wissen als Erfahrungen, Wahrnehmungen und Bedingungen des Alltags. "Die Erinnerungsinterviews liefern Qualitäten, welche die Geschichtsforschung, die lange auf Schriftdokumente fixiert war, bisher nicht kannte."š

Nicht zu vergessen ist der Aspekt, daß nicht nur mündliche Aussagen, sondern auch schriftliche Dokumente streng auf ihre Authentizität und ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen sind. Im vorliegenden Buch wurde schriftlichen Zeugnissen, soweit vorhanden, der Vorzug gegeben, doch mehrfach blieb die mündliche Überlieferung die einzige Quelle. Bisweilen aber konnte sogar schriftliches Material durch exaktes Erinnern korrigiert werden, und in einigen Fällen stimmte die schriftliche Überlieferung nicht mit der Erinnerung überein. Nicht immer war es möglich, diese Divergenzen aufzuklären. Generell kann gesagt werden , daß die Bereitschaft der Befragten zur Erteilung von Auskünften und zum Sich-Erinnern-Wollen bis auf einige wenige Ausnahmen äußerst groß war. Wie man weiß, sind Erinnerungen von Zeitzeugen oftmals verklärt, Ungenauigkeiten verstärken sich im Laufe der Zeit. In Untersuchungen über Interviewtechniken wurde festgestellt, daß der Befragte sich tendenziell vor dem Interviewer in ein günstigeres Licht rückt und es so möglicherweise zu bewußten oder verdrängten Auslassungen wichtiger Informationen kommt.Ferner muß berücksichtigt werden, daß das Gedächtnis höchst selektiv funktioniert.Mehrere Menschen, über ein und die selbe Sache befragt, erzählen jeweils ihre Version.Beispielsweise erinnerten sich Musiker, über ein und dasselbe Konzert befragt, jeweils an andere Momente, jeder schilderte das Ereignis aus einem anderen Blickwinkel. Eine weitere Schwierigkeit beim Auswerten von Interviews bestand darin, daß die Kommunikation nicht chronologisch abläuft, sondern vor- und zurückspringt. Außerdem wird nicht allen Menschen alles erzählt, vielmehr erzählen wir verschiedenen Menschen Verschiedenens. Die Befragten entscheiden also, was sie weitergeben oder nicht. Dabei spielen die praktischen Interessen des Forschenden eine Rolle, seine Fragestellungen oder nicht gestellten Fragen beeinflussen bewußt oder unbewußt die Befragten.Dennoch erwiesen sich in diesem Falle die Interwiews als unverzichtbares Forschungsinstrument, mit deren Hilfe bestimmte Vorgänge überhaupt erst aufgeklärt werden konnten.

Nun zum Verlauf der Entwicklung des Jazz in Graz im untersuchten Zeitraum:

Für die Zeit vor 1938 sind nur wenige Belege und Hinweise für Jazzaktivitäten in der Steiermark überliefert. Nach Ausbrechen des Zweiten Weltkrieges im September 1939 wurde von der Reichsmusikkammer das Spielen "angelsächsisch-jüdischer Hotmusik" sowie der Verkauf von englischen Schallplatten und Noten auch für Österreich (seit dem Anschluß 1938 "Ostmark") untersagt. Dieses Verbot wurde im Jahre 1941 mit dem Kriegseintritt Amerikas auch auf amerikanische Musik ausgedehnt. Damit wurde Jazz, der damals hauptsächlich im Swing seinen Ausdruck fand und Europa zu erobern begann, zwar offiziell unterbunden, in versteckter Form jedoch eifrig weiter betrieben. So wurden, wie man weiß, etwa die anglo-amerikanischen Texte von bekannten Jazz- und Swing-Nummern eingedeutscht und weiterhin gespielt. Keinerlei Restriktionen herrschten dagegen während des Krieges in von Deutschland besetzten Gebieten Europas. Die dortigen Kapellen hatten die Möglichkeit, Jazz und Swing zu spielen und auch Schallplatten aufzunehmen. Zudem trat die paradoxe Situation ein, daß Deutschland, das die größten Schallplattenfabriken des Kontinents besaß, nun Länder wie Belgien, Holland, Skandinavien, die Tschechoslowakei sowie die besetzten Balkanstaaten mit amerikanischen und englischen Jazz- und Swingplatten belieferte, die im "Reich" selbst verboten waren. Diese Platten, die zu begehrten Sammelobjekten für heimische Jazzfans wurden, wurden hauptsächlich von Soldaten auf Heimaturlaub mitgebracht. Trotz des 1935 ausgesprochenen Verbotes des "Nigger-Jazz" für den deutschen Rundfunk, der zunehmenden Polemik in Zeitungen, Zeitschriften und in Propagandafilmen, breiteten sich Jazz und Swing immer weiter aus, selbstverständlich auch gefördert durch Gruppen des ideologischen Widerstandes, die in dieser Musik das Symbol für Freiheit sahen. Übrigens wurde niemals, wie vielfach angenommen, ein reichsweites Jazzverbot ausgesprochen.Dennoch hatte der nationalsozialistische Staat ein ambivalentes Verhältnis zu Jazz. Einerseits war er also verfemt und offiziell verboten, da man sich seiner "volkszersetzenden" Wirkung wohl bewußt war. "Auf der anderen Seite", so der Jazzwissenschafter Ekkehard Jost,"aber mochten sich die Nazis nie ganz vom Jazz bzw. von jazzverwandter Musik zu trennen, denn dies war eben auch eine vitale Musik, die offenbar auch vitale Bedürfnisse in der Bevölkerung erfüllte."˛ So kapitulierte der Staat schrittweise, wie etwa bei einer Wehrmachtsbestimmung, nach der Soldaten, die sich für "schräge Musik" begeisterten, nicht mehr verwarnt werden sollten.

Tatsache ist, daß Jazz und Swing während der Kriegszeit in Österreich und speziell in der Steiermark im wesentlichen auf Aktivitäten im Untergrund beschränkt bleiben mußten. Man konnte ihn nur im Radio über die Sender BBC (British Broadcasting Corporation), BFN (British Forces Network)- und AFN(American Forces Network)-Stationen hören, was jedoch bekanntermaßen gefährlich war.

Im August 1943 wurde die "Ostmark" selbst zum Kriegsschauplatz. Die Stadt Graz blieb bis Anfang 1944 von Bombenangriffen verschont. Von diesem Zeitpunkt an aber erfuhren das tägliche Leben und jede Tätigkeit auf kulturellem Gebiet rigorose Einschränkungen. Am 1. September 1944 mußten Oper, Schauspielhaus, sämtliche Versorgungsstätten sowie weitgehend Hochschulen und Pflichtschulen geschlossen werden. Ende 1944 bahnte sich das Chaos an, nachdem mit der Bildung des "Volkssturmes", bestehend aus Kindern und Greisen, der letzte Verteidigungsversuch unternommen worden war. Zur Zeit des Kriegsendes befanden sich vier ausländische Armeen in der Steiermark: die der USA in der Obersteiermark, die von Großbritannien in der Weststeiermark, die der Sowjetunion in der Oststeiermark und bulgarische und jugoslawische Verbände im Süden der Steiermark. Am 8. Mai 1945 erfolgte die bedingungslose Kapitulation. Bis dahin hatte Graz unter den heftigsten Luftangriffen zu leiden, rund 45 % der Bausubstanz wurde zerstört oder beschädigt, (unter anderem Oper und Schauspielhaus), Verkehrswege vernichtet, die Nahrungssituation war am Nullpunkt. Von 9. Mai bis 24. Juli 1945 war Graz von Einheiten der Roten Armeen besetzt. Es kam zu Übergriffen und Plünderungen. Dennoch herrschte trotz fast aussichtsloser Situation das ungeheure Bedürfnis, neu anzufangen und zu einem sogenannten "normalen" Leben zurückzukehren. Dazu gehörte auch der Unterhaltungsbereich, der die Möglichkeit bot, dem tristen Alltag zu entfliehen. Dem trug die russische Besatzung mit verschiedenen Veranstaltungen (Konzerte, Kinoveranstaltungen etc.) sehr schnell Rechnung. Nachdem das alliierte Zonenabkommen getroffen und die Steiermark und Kärnten als britische Besatzungszone festgelegt worden waren, (junktimiert mit dem amerikanischen Abzug aus Thüringen, das zur Ostzone kam), zog die 6. Division "Oak" unter General Weir am 24. Juli in die steirische Landeshauptstadt ein und sollte für zehn Jahre in Graz bleiben. Vordringlichste Aufgaben waren die Schaffung von Wohnraum (Wiederaufbau) und Sicherung der Lebensmittel- und Energieversorgung. Weitere entscheidende Hilfe kam durch den amerikanischen "Marshallplan" ab 1948. Langsam begann sich die Situation zu normalisieren und zu stabilisieren. Vor allem durch die Liberalität, die die britischen Besatzer auszeichnete, konnte die Voraussetzung zur Wiedererlangung der eigenen Identität geschaffen werden. Zudem erwiesen sich die britischen Besatzer als eifrige Förderer des Kultur- und Unterhaltungslebens in Graz. Englische Musik wurde aufgeführt, englische Künstler traten auf. Oper und Schauspielhaus wurden wiedereröffnet. In den Besatzungskinos wurden erstmals Filme wie "Cover Girl" mit Rita Hayworth oder "Bathing Beauty" mit Esther Williams gezeigt. Durch den letztgenannten Film wurde auch bei uns der von Harry James gespielte "Trumpet Blues" populär. Die ursprüngliche Neugierde und Begeisterung für Jazz aber auch Tanzmusik ist aus dem Vakuum der Kriegsjahre erklärbar und als absoluter Ausdruck von Lebensfreude und Freiheitssehnsucht nach einem grauenvollen Krieg anzusehen. Sie hat also in Graz ihre erste Anregung durch die britische Besatzungsmacht erfahren. So wurden beispielsweise im Hotel Wiesler, dem Hauptquartier der britischen Offiziere in Graz, Jazzabende veranstaltet.

Dem Unterhaltungsbedürfnis der britischen Militärs wurde außerdem in eigenen Offiziers- und Soldatenclubs Rechnung getragen. Viele der später bekannt gewordenen Grazer Jazzmusiker traten an diesen Stätten militärischer Freizeitkultur auf. Es entwickelten sich damals auch echte Freundschaften zwischen Einheimischen und Besatzern. Die Musiker bekamen dadurch erstmals Zugang zu Noten, Schallplatten, Instrumenten und nicht zuletzt zu Nahrung. Schallplatten waren absolute Mangelware. Besonders begehrt waren die sogenannten V-Discs (Victory Discs), Jazz- und Klassik-Schallplatten, die auf Anordnung des amerikanischen Kriegsministeriums 1942–1948 zur Unterhaltung der alliierten Truppen produziert wurden. Diese Schallplatten wurden in die ganze Welt verschickt, waren offiziell aber nie im Handel erhältlich. Das Programm umfaßte Live-Mitschnitte, Wiederveröffentlichungen und Produktionen mit eigens dafür zusammengestellten Ensembles. Die Musiker verlangten dafür weder Gage noch Tantiemen. Seit Kriegsende versuchte man in der Schweiz, Japan, Frankreich und Italien Raubpressungen herzustellen. Die Freigabe durch das amerikanische Kriegsministerium wurde immer wieder abgelehnt. In Graz fand man diese Schallplatten bisweilen als Raritäten in Schallplattenläden und Altwarenhandlungen. Besatzungssoldaten gaben sie weiter oder verkauften sie unter der Hand, da sie mit dem Besatzungsgeld nur in ihren eigenen Läden einkaufen konnten.

Eine weitere Quelle der Verbreitung von Jazz und Swing war der Rundfunk, im speziellen die englischen Sender BBC (British Broadcasting Corporation), BFN (British Forces Network) und AFN (American Forces Network), die nun wieder uneingeschränkt gehört werden konnten. Der englische Militärsender B7 in Graz sendete beispielsweise jeden Tag um 18.30 Uhr die sogenannte "Mail Bag", eine Art Wunschkonzert für englische Soldaten, das Jazz und Swing breiteren Platz einräumte. Analog zu den Besatzungsmächten war auch der Rundfunk in Österreich viergeteilt. In Steiermark und Kärnten wurde von der britischen Besatzungsmacht die "Sendergruppe Alpenland" betrieben. Hier produzierte man, da es an Schallplatten, Tonbandgeräten etc. mangelte, viel Live-Musik, unter anderem auch Jazz. Jazz-Ensembles der ersten Stunde, wie das "Kleine Tanzorchester von Radio Graz", hatten so Gelegenheit, regelmäßig Produktionen einzuspielen.

Live-Musik gab es zudem auf den vielen Musik- und Tanzveranstaltungen, die von den britischen für die Truppenbetreuung zuständigen "Welfare Institutes" in Graz für die ganze Steiermark organisiert wurden und auf denen Jazz-Ensembles, die sich neu formiert hatten, spielten. Aber auch sonst waren in vielen Grazer Cafés und Lokalen, von denen zu den bekanntesten das "Stadtpark Café" und "Café Rheingold" zählten, neben populärer Tanzmusik auch Jazz und Swing zu hören. Daneben wurde versucht, mit Cabaretprogrammen in bissigen Parodien auf aktuelle Ereignisse die triste Realität erträglicher zu machen. Diese Lokale waren selbstverständlich nicht nur Vergnügungsstätten, um den tristen Alltag zu vergessen, sondern auch Umschlagplätze für Waren aller Art. Da das Verhältnis zwischen Einheimischen und Besatzern im allgemeinen sehr gut war, schritt die britische Kommandatur nicht allzuoft als Regulativ ein. Dies war in diesem Ausmaß für die anderen Zonen atypisch. Schon ab 1945 begannen die Briten mit einer kontinuierlichen Reduzierung ihrer Truppen. Nach erfolgreichem Abschluß des Staatsvertrages am 15. 5. 1955, der nach jahrelangen Verhandlungen mit den vier Besatzungsmächten zustandegekommen war, zog der letzte britische Soldat am 20. 9. 1955 ab. Doch gibt es Kontakte bis in die Gegenwart, wie zum Beispiel ein regelmäßiges Treffen der Besatzungsoffiziere.

Im November 1948 wurde, angeregt von einem Briten namens Charles Gustavus, der bei BFN als Disc Jockey tätig war, der 1. Grazer Hot Club gegründet. Neben Vorträgen, die das Verständnis für Jazz fördern sollten, wurde Material über Jazz, wie Platten, Zeitschriften und Literatur zur Verfügung gestellt. Es konstituierte sich eine Band, die sich mit der Interpretation authentischer Jazzmusik befaßte. Sie pflegte in regelmäßigen Sessions in der Hauptsache das gängige Hot-Jazz-Repertoire und machte gelegentliche Versuche, den damals aktuellen Bebop zu kopieren. Der Club zählte etwa fünfzig Mitglieder, löste sich aber bereits im Juni 1949 wieder auf. Am 22. 5. 1949 kam es zur ersten Jazz Live-Sendung bei Radio Graz, Sendergruppe Alpenland, mit der Combo des 1. Grazer Hot Clubs, bei der heimische und britische Musiker mitwirkten, wie etwa Curley Holiday als Trompeter. Zwei Jahre später, im April 1951 konstituierte sich der 2. Grazer Hot Club. Wieder fanden bis Juni 1951 regelmäßige Sessions statt. Trotz ihres kurzen Bestehens können diese Grazer Hot Clubs zweifellos als Urzellen des Jazz in Graz angesehen werden und sind mit Sicherheit für die später in Graz so rege Jazzszene mitverantwortlich. In der Folge wurden im Rundfunk regelmäßig Jazz-Sendungen gestaltet, die im weiteren Verlauf so manche Produktionen und Mitschnitte einheimischer Jazzensembles brachten. Vermutlich spielten die Besatzungsverhältnisse in Wien – die Teilung der Stadt in vier Besatzungszonen – für Graz insofern eine Rolle, als die Entfaltungsmöglichkeiten dort doch erhebliche Einschränkungen erfuhren. Eine Reihe von engagierten jungen Leuten entschloß sich daher zum Studium in Graz und setzte hier in der Folge kulturelle Aktivitäten, sodaß das intellektuelle Potential im Gegensatz zu anderen vergleichbaren Städten hier in Relation zur Bevölkerung einen stärkeren Zuwachs erfuhr. Nachdem die Briten infolge ihrer liberalen Gesinnung in Graz bereits ab Herbst 1945 weitgehend ein Leben in Freiheit ermöglicht hatten, war in dieser Stadt, anders als in der vornehmlich von der Angst vor den Russen geprägten "Dritten-Mann-Atmosphäre" Wiens eine Situation entstanden, in der die Voraussetzungen zur späteren Entwicklung der Stadt in ein Zentrum der Avantgarde geschaffen wurden. Die Vorgänge des Jazzgeschehens im Zusammenhang mit der britischen Besatzungsmacht fallen in Graz im besonderen Maße als eine Entwicklung auf, weil aus der Vielfalt, mit der Tanzmusik und jazzidiomatische Musik betrieben worden war, schließlich später sogar eine renommierte Jazzausbildungsstätte entstehen konnte.

Zu den Jazz-Ensembles, die in den 50er Jahren entstanden sind, zählten als die bekanntesten die "Serenaders"(gegründet 1950) und das schon erwähnte "Kleine Tanzorchester von Radio Graz" (gegründet 1952) unter Fridl Althaller, der als Allround Talent bezeichnet werden kann. Der Name "Tanzorchester" sagt nichts über das tatsächliche Repertoire aus. Dennoch mußte man, um Geld zu verdienen, auch Tanzmusik spielen. Der Nachholbedarf des eher tanz- und unterhaltungshungrigen Publikums war groß. Bis auf den kleinen Kreis von wirklich Jazzinteressierten hielt man jede rhythmische Tanzmusik für Jazz. Im allgemeinen trugen viele Bands zu dieser Begriffsverwirrung noch bei, indem sie auf Tanzveranstaltungen, Bällen und Konzerten vom Samba über den Glenn-Miller-Sound bis zu gut interpretiertem Jazz alles spielten oder auch spielen mußten.

Diese Ensembles – es waren Jazz Combos – legten von Anfang an Wert auf kritischen Umgang mit dem Phänomen Jazz und hatten sich in ständigen Diskussionen damit auseinandergesetzt. Die Arrangements stammten von Mitgliedern der Band selbst, die meist von englischen und amerikanischen Platten transkribiert wurden. Besonderer Wert wurde auf stilistische Vielfalt gelegt, das Repertoire reichte von Classics des Oldtime-Jazz, über Stücke aus der Swing-Ära bis zum damals aktuellen Bebop.

Hervorgehoben zu werden verdient ein Jazzkonzert, das am 15. 11. 1953 in Graz unter dem Titel "Das ist Jazz" stattfand und aus Mitgliedern der "Serenaders" und des "Kleinen Tanzorchesters von Radio Graz" bestand. Anhand von ausgewählten Stücken aus verschiedenen Jazzstilen wurden Geschichte und Bedeutung des Jazz erklärt. Schon auf dem Plakat für das Konzert wurde die volksbildnerische Aufgabe betont: "Wir spielen Jazz – Wir erklären Jazz – Wir diskutieren Jazz". Die Grazer Zeitungen beurteilten das Konzert durchwegs positiv und das "Internationale Jazz Podium" schließlich stellte fest, daß das Konzert alle Erwartungen übertroffen hätte und daß es gute und phantastische Musiker in Graz gäbe, die mit ihrer Technik umzugehen wüßten.ł Das Konzert wurde kurz danach auch vom Militärsender B7 übertragen.

In den folgenden Jahren wurden immer wieder Konzerte veranstaltet, die auch der Volksbildung dienen und zur Aufklärung über Jazz beitragen sollten, was von der heimischen Presse weiterhin im großen und ganzen positiv bewertet wurde.

Während sich die Presse also mit den heimischen Ensembles relativ objektiv auseinandersetzte, wurden Konzerte internationaler Jazzgrößen, die in den fünfziger Jahren in Graz stattfanden, mit einem Wust von Vorurteilen überschüttet. Einerseits war die Begeisterung und die Faszination des Publikums für das, was unter dem Nationalsozialismus verboten war, offensichtlich, andererseits ist aber aus den öffentlichen Reaktionen auf das nun erlaubt Neue und Andere ersichtlich, wie sehr Reste der nationalsozialistischen Ideologie ungebrochen nachwirkten. In Rezensionen und Leserbriefen über die Konzerte der "George Maycock Band" im Jahre 1952 oder über Lionel Hampton 1954 und 1956 spricht nach wie vor der Geist einer Ästhetik der "entarteten Kunst". 4 Die Presse als ein öffentliches und marktabhängiges Medium spiegelt mit ihren Reaktionen Sympathie und Antipathie der Gesellschaft, für die sie schreibt, wider. Zweifellos wurde in der Diskussion und Auseinandersetzung darüber der Anfang jener Entwicklung gemacht, der die Geschichte des Jazz in Graz zu einem Phänomen des Aufbruchs werden ließ. Zudem setzte nach Abschluß des Staatsvertrages erneut Konservativismus, verbunden mit der Skepsis gegenüber allem Neuen ein. Dies mobilisierte Gegenkräfte: Junge Künstler aller Kunstrichtungen bemühten sich, der zeitgenössischen Kunst eine Plattform zu verschaffen.Dieser Aufbruch gegen den Geist reaktionärer Gesinnung hat schließlich 1958 zur Gründung des "Forum Stadtpark" geführt. Damit wurde ein Zentrum der Avantgarde ins Leben gerufen, das sich zur inzwischen wichtigsten Stätte der neuen deutschen Literatur entwickelt hat. Das "Forum Stadtpark" hat bewirkt, daß heute feuilletonistisch von Graz als der "heimlichen Hauptstadt der deutschen Literatur" und auch "des Jazz" gesprochen wurde. Als wesentliche Faktoren zur Entfaltung des Forums sind der generelle kulturelle Nachholbedarf in Sachen zeitgenössischer Kunst sowie die Existenz eines ansprechbaren Zielpublikums anzusehen. Zudem hatte man von öffentlicher Seite bald erkannt, daß Defizite im Bereich der Gegenwartskultur für eine Stadt in der Größe und Sozialstruktur von Graz nicht mehr länger tragbar gewesen wären. Die Suche nach einem Image der Fortschrittlichkeit und die wirkliche Überzeugung von einer kulturellen Notwendigkeit sind dabei sicher parallel gelaufen.

 

Das "Forum Stadtpark" wurde am 4. 11. 1960 eröffnet. Die organisatorische und künstlerische Grundkonzeption bestand in einer Aufteilung der künstlierischen Aktivitäten in neun Referate. Eines davon war der Musik gewidmet. Hauptfaktoren in der Programmgestaltung sollten sowohl die Pflege der Neuen Musik als auch des Jazz in allen seinen Varianten und Ausformungen sein. Schon am 20. 11. 1960 fand die erste Jazzmatinee unter dem Motto "Jazz aus Graz" statt, der bald weitere folgten. Anfang 1961 wurde mit wöchentlichen "Jam-Sessions" im Forum-Jazz-Keller begonnen. Erwähnenswert sind vielleicht auch die Ballabende im Forum, bei denen ausschließlich Jazz gespielt wurde. Damals gab es so viele Jazz-Bands in Graz, daß auf diesen "Jazz-Band-Balls" jede Stunde eine Band die andere ablösen konnte. Unter den vielen Formationen sollen zwei herausgegriffen werden, die in der Folge auch internationale Anerkennung erreichen konnten: die "New Austrian Big Band" und das "Josel Trio".

Mit der Gründung der "New Austrian Big Band" 1961 wurde ein bedeutender Schritt zur Profilierung des Jazz in Graz getan. Sie war die erste Big Band Österreichs, deren Repertoire ausschließlich aus Jazz bestand. Die siebzehn Mitglieder der ersten Besetzung stammten aus verschiedensten Berufsgruppen, zum Teil waren es Amateure zum Teil Berufsmusiker. Die Besetzung der Band sollte sich im Laufe der Zeit noch mehrmals ändern. Die "New Austrian Big Band" stellte sich am 18. 6. 1961 in einem ersten Konzert mit eigenen Arrangements der Öffentlichkeit vor. Vorbilder waren unter anderem Lester Young und Woody Herman. Das Konzert fand bei Publikum und Presse begeisterte Aufnahme. Der Erfolg hielt auch in weiteren Konzerten an. Im März 1962 errang die Band beim "1. Österreichischen Amateur-Jazz-Festival" sogleich den zweiten Preis, im Jahr darauf, beim "2. Österreichischen Amateur-Jazz-Festival" sogar den ersten Preis. Auch Rundfunkaufnahmen waren in der Zwischenzeit eingespielt worden. Dennoch löste sich die Band trotz anhaltender Erfolge im Sommer 1963 auf, da das "Josel Trio", ein wesentlicher Bestandteil des Orchesters, beschlossen hatte, nicht mehr mitzuwirken und kein adäquater Ersatz zu finden war.

Damit sei noch kurz das "Josel Trio" erwähnt, das vom Posaunisten Rudolf Josel 1960 in der Besetzung Schlagzeug, Baß, Posaune gegründet und zum erfolgreichsten Grazer Jazz-Ensemble werden sollte. So sprach nach einem der ersten Konzerte des Trios im November 1960 die Presse bereits von "wirklicher Qualität" und "einer ernsten Hoffnung"5 für das Grazer Jazzleben. Den ersten großen internationalen Erfolg für das Trio brachte die Teilnahme am "Internationalen Amateur-Jazz-Festival" in Zürich 1961. Gleich darauf gab es beim schon erwähnten "1. Österreichischen Amateur-Jazz-Festival" für das Trio einen ersten Preis. Die Erfolgswelle hielt an. So schrieb ein Kritiker nach einem Konzert des Trios in Wien im April 1962 beispielsweise im Kurier: "Das Grazer Josel-Trio, die Überraschung des Jazz-Festivals, erfüllte, ja übertraf sogar unsere gespannten Erwartungen.(...) Kein Westküstenmusiker hat je seine eigenen Kompositionen so vital und künstlerisch ausschöpfend zu spielen vermocht wie gerade diese drei jungen Grazer."6 Eine Mitwirkung beim "8. Deutschen Jazzfestival" im Juni 1962 in Frankfurt/Main im Kreise berühmter Musiker wie Stephane Grappelli, Attila Zoller, Hans Koller, Benny Bailey und anderen brachte weitere Bestätigungen bei Publikum und Presse.

In den Jahre 1961 bis 1963 gaben auch internationale Jazzgrößen wie das "John Coltrane Quartett", die "George Maycock Band" und das "Oscar Peterson Trio" Konzerte in Graz, wobei es auch mit dem "Josel Trio" zu direkten Kontakten, sogar teilweise zu gemeinsamem Musizieren und damit zu fruchtbaren musikalischen Anregungen kam. Im Gegensatz zu den fünfziger Jahren änderte sich die Beurteilung der Konzerte von internationalen Jazzgrößen durchwegs ins Positive und so trug die Presse ihrerseits zur Popularisierung des Jazz bei. Erfolgreich war auch die Teilnahme am "2. Österreichischen Amateur-Jazz-Festival" in Wien im März 1963, bei dem das "Josel Trio" wiederum den ersten Platz und weitere Jazz-Ensembles aus Graz, wie das "Neuwirth Trio", den zweiten, fünften und siebenten Platz erringen konnten. Diese Dominanz von Graz im österreichischen Jazz wurde in der Presse in entsprechender Weise gewürdigt. Das Jahr 1963 brachte unter anderem ein Engagenement in die Schweiz, die Teilnahme am "Norwegischen Jazz Festival" in Molde (Norwegen), am "Jugoslawischen Jazz Festival" in Bled sowie an den "Internationalen Jazztagen" in Ascona. In Ascona winkte dem Trio wiederum der erste Preis. Wieviel internationale Anerkennung das Trio bereits gefunden hatte, ist aus einer Kritik der "Neuen Zürcher Zeitung" nach einem Konzert im Jänner 1964 abzulesen: "Durch eine vermehrte Betonung der musikalischen Aspekte könnte sich aber diese Formation, die bereits zu den besten Europas gehört, durchaus mit ihren amerikanischen Konkurrenten messen."7 Doch schon im Februar 1964 löste sich die so fruchtbare Zusammenarbeit des Trios auf. Rudolf Josel bekam eine Berufung als Wiener Philharmoniker.

Symptomatisch ist auch, daß die Erfolge der Grazer Ensembles vornehmlich im "Modern Style" verbucht werden konnten, was wiederum mit der damaligen Entwicklung in Literatur und Kunst in Graz kongruiert und von intensiver Beschäftigung mit den neuesten Strömungen im Jazz, aber auch mit der Avantgarde in der sogenannten E-Musik zeugt.

Schon in die Zeit des Bestehens der "New Austrian Big Band" fielen Bemühungen, an der damaligen Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz ein "Institut für Jazz" einzurichten, die schließlich 1964 von Erfolg gekrönt waren. Am 1. Jänner 1965 konnte dieses Institut bereits seine Arbeit aufnehmen. Nicht weniger als zehn Mitglieder der "New Austrian Big Band" wurden an die Akademie für eine Lehrtätigkeit berufen. Sehr bald setzte auch, durch die Konzerttätigkeit der neuen Akademie-Ensembles aufmerksam geworden, ein reger Zustrom an Studenten zum Grazer Institut ein. Sogleich wurde im März 1965 ein "Erstes Internationales Jazz Seminar" veranstaltet mit Dozenten wie Friedrich Gulda und seinem Trio (Friedrich Gulda, Klavier; Albert Heath, Schlagzeug; Jimmy Woode, Baß). Es folgten im Herbst 1965 die "Ersten internationalen Jazztage" in Graz unter anderem mit dem Gastsolisten der Instituts-Big Band Wilton Gaynair (Tenorsaxophon). Wilton Gaynair war im nächsten Jahr beim "Zweiten Internationalen Jazz Seminar" wieder zu Gast. 1965 wurde vom Österreichischen Fernsehen bereits ein Film über die Tätigkeit des Institutes gedreht. Im Wintersemester 1965/66 wurde neben den Instituts-Ensembles eine Studenten-Big Band ins Leben gerufen. Diese Ensembles nahmen in der Folge an etlichen Jazz-Wettbewerben in Wien, München, Bled (Jugoslawien) usw. mit großem Erfolg teil. Beim "Internationalen Jazzfestival" in Prag im Oktober 1966 wurden Rundfunkaufnahmen der Instituts-Ensembles gemacht und von Willis Conover, dem Gestalter einer bekannten Jazzsendung, in seiner Reihe "Music USA" übernommen und ausgestrahlt. Daraufhin kamen die ersten amerikanischen Studenten an das Institut nach Graz. Die folgenden Jahre bis 1969 waren gekennzeichnet durch rege Vortragstätigkeit, Konzerttätigkeit der Instituts-Big Band und Gastkonzerte mit internationalen Jazzgrößen wie Sonny Rollins, Max Roach, Freddy Hubbard, Art Farmer, Dusko Goikovich, Jimmy Woode, Charles Lloyd, Oscar Peterson, Cannonball Adderley, Lee Konitz und anderen mehr. Bekannte Musiker wie der Schwede Eje Thelin konnten als Lehrer für das Institut in Graz gewonnen werden.

Aber auch die theoretische Beschäftigung mit Jazz und jazzverwandter Musik wurde in diesen Jahren nicht vernachlässigt, was die rege Vortragstätigkeit beweist. So hielt beispielsweise der Musikwissenschaftler und Ethnologe Alfons M. Dauer, der 1976 an die Lehrkanzel für Afro-Amerikanistik berufen wurde, im Jahre 1966 drei vielbeachtete Vorträge über die afrikanischen Wurzeln des Jazz, über die akkulturativen Vorgänge auf dem Boden Nordamerikas und die ethnologische Ausgangssituation der Jazzforschung.

Seit dem Jahre 1969 entwickelte schließlich die praktische Jazzausbildung als "Seminar für Jazzpraxis" innerhalb des "Institutes für Jazz" eine solche Selbständigkeit, daß es gewissermaßen zu einem Zentrum der europäischen Jazzausbildung geworden war. Der zweite Arbeitsbereich des Institutes, die wissenschaftliche Forschung, begann sich immer mehr abzugrenzen. Die Arbeit namhafter Fachleute, die als Dozenten gewonnen werden konnten, ließ durch diese Intensivierung einer exklusiv musikwissenschaftlichen aber auch interdisziplinär orientierten Forschung im Jazzbereich deutlich erkennen, daß die Forderung nach einer neuen bzw. eigenen Teildisziplin notwendig geworden war, die sich der wissenschaftlichen Untersuchung des Jazz zu widmen hat. Die endgültige und der Gesetzesstruktur entsprechende Teilung des "Institutes für Jazz" in ein "Institut für Jazzforschung" und eine "Abteilung Jazz" erfolgte 1971 nach der Umstrukturierung der Akademie zur

Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz. Seitdem sieht das "Institut für Jazzforschung" seine Aufgabe darin, durch systematische, historische und vergleichende Untersuchungen von Jazz und jazzverwandter Musik diesen neuen Zweig der Musikwissenschaft weiter auszubauen. Dazu müssen Nachbardisziplinen wie Transkription, Bibliographie, Historiographie, Ethnologie, Soziologie, Pädagogik, Medienforschung etc. herangezogen werden. Die Forschungstätigkeit konzentriert sich auf folgende Hauptaspekte:

1. Analytische Forschung:

Diese bezieht sich vor allem auf Transkription von Improvisationen, wobei man über die Untersuchung spezifischer Strukturmerkmale unter chronologischer und personeller Zuordnung auf allgemeine stilistische Kriterien schließen kann.Dabei werden traditionelle Methoden der Musikwissenschaft mit den für den Jazz spezifischen, jeweils neu zu erarbeitenden Methoden verknüpft.

2. Historische Forschung:

Unter Einbeziehung von Hilfswissenschaften wie Ethnologie, Psychologie, Pädagogik, Tanzforschung, Medienforschung etc. wird versucht, Jazz und jazzverwandte Musik von ihren musikalischen und außermusikalischen Wurzeln bis in die Gegenwart exakt darzustellen.

3. Bibliographie und Diskographie:

Diese bilden durch Erfassung von Literatur und Tonaufzeichnungen Grundlage für die analytische und historische Forschung.

4. Archivierung

Zum Bestand des Institutes zählen eine Fachbibliothek, die rund 4000 Bücher und Fachzeitschriften umfaßt, sowie eine Mediathek mit circa 6900 Schallplatten, 2200 CDs und 250 Videokassetten. Hinzu kommt die sogenannte "Dr.Dietrich Schulz-Köhn-Stiftung", eine umfangreiche Sammlung von Jazz-Zeitschriften, Schallplattenkatalogen, Jazz-Clubnachrichten etc., die sich seit dem Jahre 1985 am Institut für Jazzforschung befindet. Der bekannte Jazz-Publizist Dr.Dietrich Schulz-Köhn hatte diese Sammlung der Internationalen Gesellschaft für Jazzforschung am 5.Oktober 1982 anläßlich seiner Ernennung zum Ehrenmitglied neben einem namhaften Geldbetrag zur Unterstützung von Forschungsprojekten gestiftet. Damit stehen der Jazzforschung zusätzliche wichtige Quellen zur Verfügung.Im März 1996 erfolgte nun von Dr.Dietrich Schulz-Köhn die Schenkung seiner gesamten privaten Schallplattensammlung von etwa 25 000 Schallplatten an das Grazer Institut, die nun hier ihren endgültigen Standort gefunden hat.Weiters ist am Institut ein sog. "Österreichisches Jazzarchiv" im Aufbau begriffen, in dem Archivmaterial wie Zeitungsausschnitte , Fotografien, Programme, Plakate etc. nach modernsten archivtechnischen Erkenntnissen gespeichert werden sollen.

5. Tagungen und Kongresse:

Im Jahre 1969 wurde die Internationale Gesellschaft für Jazzforschung (IGJ) gegründet, die sich als Vereinigung von Jazzforschern, Jazzmusikern, Musikwissenschaftlern, Ethnologen und Musikpädagogen versteht und ihren Sitz am Institut für Jazzforschung hat. Die IGJ zählt inzwischen etwa 230 Mitglieder aus aller Welt, wobei seit geraumer Zeit ein steigender Zuwachs von musikwissenschaftlichen Institutionen und Bibliothekenzu verzeichnen ist.Ziel der IGJ ist es, die systematische Erforschung des Jazz voranzutreiben. Dazu dient die Sammlung und Bereitstellung von Mitteln zur Förderung der Jazzforschung, die Veranstaltung von Tagungen und Kongressen sowie der Ausbau der internationalen Beziehungen der Jazzforschung. Umfassendere Forschungsprojekte und -schwerpunkte sind nur durch aktive internationale Kooperation mit Jazzexperten, Musikwissenschaftlern und Forschungseinrichtungen des In- und Auslandes auf der Basis der IGJ realisierbar..

Diese internationale Zusammenarbeit hat sich auch in einem umfangreichen Vortrags- und Veranstaltungsprogramm manifestiert, das seit 1969 vom Institut gemeinsam mit der IGJ durchgeführt worden ist. Bisher hat das Institut vier internationale jazzwissenschaftliche Tagungen veranstaltet. Für 1997 ist die fünfte dieser Tagungen geplant.

6. Publikationen

In Zusammenarbeit mit der IGJ gibt das Institut für Jazzforschung seit 1969 zwei Pubikationsreihen heraus: das Jahrbuch "Jazzforschung/Jazz Research", dessen 27. Band Anfang 1996 erschienen ist und dessen 28.Band derzeit vorbereitet wird, sowie die unregelmäßig erscheinende Reihe "Beiträge zur Jazzforschung/Studies in Jazz Research", deren 10.Band die Dokumentation "Jazz in Graz" ist. Seit dem ersten Erscheinen der "Jazzforschung" im Jahre 1969 ist es gelungen, jeweils einen internationalen Kreis von Autoren aus Europa, Afrika, den USA, Kanada, Südamerika und Australien für einschlägige wissenschaftliche Beiträge zu gewinnen, die von jazztheoretischen, historischen , analytischen, kompositionstechnischen bis zu jazzpädagogischen und soziologischen Arbeiten zur systematisch-methodischen Erforschung des Jazz reichen. Doch auch Studierende haben einen nicht geringen Anteil an der Forschungsarbeit des Institutes für Jazzforschung. Der Studienabschluß bzw. die Diplomierung erfolgt aufgrund des 1983 in Kraft getretenen Kunsthochschulstudiengesetzes (KHStG) mit dem Titel "Magister artium". Neben der Absolvierung von einschlägigen Lehrveranstaltungen ist eine schriftliche Prüfungsarbeit aus einem Teil des gewählten Faches zu abzufassen. Der Studierende soll damit die Fähigkeit nachweisen , sich in wissenschaftlicher Form mit Problemen seines Faches auseinandersetzen zu können. Das Institut für Jazzforschung und die Lehrkanzel für Popularmusik und jazzidiomatische musikalische Praxis, deren Inhaber der derzeitige Leiter des Institutes für Jazzforschung, Prof. Dr.Franz Kerschbaumer ist, bieten dazu vielfältige Möglichkeiten. Die Themen sind größtenteils so gewählt, daß sie einen direkten Zusammenhang mit dem Hauptfachstudium der Verfasser haben. Sie bestehen meist aus Stilananlysen oder Stilvergleichen des Jazz oder stellen jazzpädagogische, jazztheoretische oder kompositionstechnische Aspekte in den Vordergrund. Einige dieser Arbeiten waren in ihrem Niveau so gut, daß sie in der "Jazzforschung" bzw. in den "Beiträgen zur Jazzforschung" veröffentlicht worden sind. Darüber hinaus sind im Rahmen der Lehramtsstudien für Musikerziehung an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz zahlreiche Arbeiten verfaßt worden, die sich Fragen des Jazz und der Popularmusik zuwenden. Es besteht auch die Möglichkeit, nach Absolvierung des Lehramtsstudiums an der Hochschule oder nach Abschluß des Studiums an der Universität, innerhalb eines interuniversitären Studiums an den genannten Lehrkanzeln eine Dissertation zu verfassen und an der Universität oder an der Musikhochschule zu promovieren. Einige Dissertationen wurden bereits fertiggestellt, etliche sind in Arbeit.

Die "Abteilung Jazz" ist nun seit 1971 für die praktische Jazzausbildung an der Hochschule zuständig. Hier kann ein sechsjähriges Studium mit instrumentaler und theoretischer Ausbildung absolviert werden mit dem Ziel der Heranbildung von Jazzmusikern und Arrangeuren. Als Studienrichtungen werden Jazzgesang und alle im Jazz gebräuchlichen Instrumente angeboten wie Gitarre, Klavier, Kontrabaß, Posaune, Saxophon, Trompete und Schlagzeug, aber auch Jazzgesang, sowie theoretische Fächer wie Jazztheorie, Jazzkomposition und Arrangement. Das Berklee College in Boston hat zum Teil dafür als Vorbild gedient. Daneben kann ein klassisches Instrumental- und Kompositionsstudium mit fast allen Nebenfächern bis zum abgeschlossenen 3. Jahrgang zu absolviert werden. Damit soll eine umfangreiche, nicht ausschließlich auf den Jazz bezogene Ausbildung ermöglicht werden, die den Studierenden in die Lage versetzt, ein zweites "klassisches Diplom" zu erwerben und damit auch in der tradtionellen europäischen Musikkultur tätig sein zu können. An der "Abteilung Jazz" haben aber auch Studierende der klassischen Fächer die Möglichkeit, Teile des Studienprogrammes zu absolvieren. So ist die Konfrontation mit Fragen des Jazz und der Popularmusik für Schulmusiker und Musikschullehrer von besonderer Wichtigkeit. Und für Orchestermusiker und Sänger ist eine stilgerechte Interpretation (etwa von Musicals) nur durch eine direkte, praktische und theoretische Auseinandersetzung mit dieser Form von Musik möglich. Auch die sogenannte "Neue Musik" verlangt oft Improvisation mit vorgegebenem Material. Das Studium wird mit der Diplomprüfung nach dem 6. Jahrgang, in deren Zentrum die künstlerische Leistung steht, abgeschlossen. Die Diplomierung erfolgt nach dem schon erwähnten im Jahre 1983 in Kraft getretenen österreichischen Kunsthochschulstudiengesetz (KHStG) mit dem akademischen Grad "Magister der Künste" ("Magister artium", Abkürzung "Mag.art.").

Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Jazz im Graz der Nachkriegszeit von Anfang an eine ernsthafte und äußerst intensive war. Sie ist am Widerstand gewachsen und von den Musikern mit einem neuen kritischen Anspruch geführt worden, wie er im Gesamtbereich des traditionellen Musiklebens erst viel später gebraucht wird. Die Geschichte des Jazz in Graz bleibt eng verbunden mit der geistigen Aufbruchstimmung, die ein Protest gegen eine nationale und konservative Kulturgesinnung gewesen ist und 1958 zur Gründung des "Forum Stadtpark" als ein Zentrum der damaligen Avantgarde geführt hat. Ohne diese Institution als Fundament und Wegbereiterin ist die spätere Errichtung eines "Institutes für Jazz", die bereits 1965 auf akademischem Boden verwirklicht werden konnte, wohl kaum denkbar. Günstige Konstellation und Einzelinitiativen kamen hinzu, um die Durchsetzung von etwas Neuem und Ungewöhnlichem zu ermöglichen.

Anmerkungen:

1. May M. Broda: Zum Mythos von Jazz und Swing im "Dritten Reich". Methodische Überlegungen zur "Oral History", in: Jazz und Sozialgeschichte, hg. v. Theo Mäusli, Zürich 1994, S.134.
2. Ekkehard Jost:Jazz in Deutschland. Von der Weimarer Republik zur Adenauer-Ära, in: That's Jazz. Der Sound des 20.Jahrhunderts. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung von 29.Mai bis 28.August 1988 in Darmstadt, hg. v. Klaus Wolbert, Anettte Hauber u. Ekkehard Jost, Darmstadt 1988, S.364.
4. Vgl.Südost-Tagespost v.2.4.1952, 11.1.1956, 13.1.1956, 19.1.1956, 24.1.1956, 15.2.1956 sowie Neue Zeit v. 2.4,1952, 29.12.1954, 15.2.1956 u. Kleine Zeitung v. 3.4.1952 u. 15.2.1956.
5. Harald Kaufmann: Dem guten Jazz ein Grazer Heim, in: Neue Zeit v. 22.11.1960.
6. Amateure und Professionisten, in: Kurier v. 2.4.1962.
7. Neue Zürcher Zeitung v. 11.1.1964.